Fokus der Woche - Kommentar der Redaktion

Rassismus ist leider tief verankert (10.06.2020/lz)

In der letzten Woche haben wir uns auf George Floyd und die Rassenunruhen in den USA fokussiert. Doch, warum existiert Rassismus in den USA? Und wie steht es um die Schweiz? Warum entsteht Rassismus? Ein kleiner Einblick in ein riesiges Thema. 

Rassismus bedeutet, dass sich die eine Menschengruppe einer anderen Menschengruppe "aufgrund der Hautfarbe oder anderen biologischen und kulturellen Eigenschaften überlegen fühlt." (Oxford Lexikon). Das heisst, wer dunkelhäutig ist oder einer anderen Kultur entstammt, ist in den Köpfen von Rassisten weniger wert. Das ist eine Einstellung, eine Meinung, die in den Köpfen von (zu) vielen Menschen tief verankert ist – eine Einstellung, mit der man bereits aufwächst. Wenn diese Einstellung im Land verwurzelt ist, kommt es zu Ungerechtigkeiten.

Ein Beispiel: Ein dunkelhäutiger Mensch wird von der Polizei öfters kontrolliert, als ein weisser Mensch. Nicht nur in den USA. Dort jedoch werden dreimal häufiger dunkelhäutige Autofahrende durch die Polizei kontrolliert. Oder anders gesagt: ein Motorrad wird öfters kontrolliert, als ein Roller, obwohl beides Motorfahrräder sind und das gleiche Tun; einfach, weil das Eine ein Motorrad ist. Diesen Zustand nennt man "strukturellen Rassismus", da er in der Struktur des Landes festgesetzt ist. Im strukturellen Rassismus werden Dunkelhäutige also nicht nur von einem Menschen diskriminiert, sondern vom ganzen System. 

Struktureller Rassismus in den USA

Es gibt viele Statistiken und Zahlen, die den strukturellen Rassismus in den USA belegen. Eine durchschnittliche weisse Familie hat ein siebenmal grösseres Einkommen (Lohn) als eine afro-amerikanische Familie. Durch das tiefere Einkommen sind die Chancen auf gute Schulen schlechter, was Einfluss auf die Bildung und die Möglichkeiten in der Arbeitswelt nimmt. Selbst der gleiche Schulabschluss führt nicht zur Chancengerechtigkeit, da Weisse seltener in der Arbeitslosigkeit landen als Dunkelhäutige. Das ist alles statistisch belegt. Auch werden Dunkelhäutige viel häufiger wegen kriminellen Dingen verhaftet, als Weisse. Vermutlich einfach wegen der Hautfarbe. Und vielleicht auch deshalb, weil die Polizeiausbildung in den USA gerade einmal 19 Wochen dauert (=knapp fünf Monate). In der Schweiz dauert diese zwei Jahre. 

Man erkennt ein deutlich unfaires Muster. Obwohl kein Mensch etwas dafür kann, wie er aussieht, passiert es, dass man im gleichen Land ungleich behandelt wird. 

Tief in der Geschichte verankert

Das Bewusstsein, dass der weisse Mensch dem dunkelhäutigen Menschen höher gestellt sein soll, ist tief in den Köpfen verankert. Als der weisse Mann Amerika entdeckte und den indianischen Urvölkern das Land gewaltsam entrissen hat, begann der strukturelle Rassismus. Warum man sich damals für die Gewalt anstatt das neugierige, gegenseitige Kennenlernen entschieden hat, ist ein Rätsel. Ist der Mensch einfach auch nur eine Art Raubtier auf zwei Beinen? Die weissen "Amerikaner" haben daraufhin die Sklaverei entwickelt: Dunkelhäutige wurden als Sklaven gehalten und unmenschlich behandelt. Daraus entsprang das Gefühl der Macht: Der Weisse fühlt sich seit jeher mächtiger. Wenn man genau hinhört, sieht man, dass viele noch heute so denken und zwar bis zur Regierungsspitze der USA. 

 

In der Schweiz ist alles besser? Nein.
 

Struktureller Rassismus gibt es auch in der Schweiz. Vier von zehn Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben bereits Rassismus erfahren. Vermutlich sind es mehr. Die Ungerechtigkeit zeigt sich zum Beispiel stark bei der Stellensuche: Waren es vor einigen Jahrzehnten Menschen aus Portugal und Italien, die rassistisch diskriminiert wurden, erleben bis heute auch Menschen aus dem Balkan Rassismus. Selbst, wenn sie perfekt Schweizerdeutsch sprechen und hier geboren wurden – ein "-ic" am Ende des Nachnamens reicht für manches Vorurteil.  

Wie geht es weiter? 

Warum haben wir Menschen diesen strukturellen Rassismus in uns? Wie werden wir ihn los? Der Rassismus ist ein Problem, das wir zwingend loswerden müssen. Jeder Mensch, ungeachtet seiner Religion, Hautfarbe, sexuellen Orientierung, Herkunft, Nationalität und seines Aussehens, hat das Recht auf Chancengerechtigkeit und Gleichheit. Kein Mensch wird rassistisch geboren - der Mensch wird rassistisch erzogen. 

 

Aus aktuellem Anlass, wiederhole ich mich an dieser Stelle: Wir können die Welt zwar leider nicht so einfach ändern. Wir können fast nur versuchen, in unserem Leben ein guter und gleichgestellter Mensch zu sein, politisch aktiv zu werden und uns zu empören, falls Unrecht geschieht. Ja, empören wir uns! Ja, ärgern wir uns und sprechen das laut aus. Ohne Gewalt, ohne Zerstörung. Aber laut. Hoffnung machen die vielen friedlich demonstrierenden Menschen, denen der Tod von George Floyd auch nicht egal ist. Denn: Rassismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz erhalten, er darf nicht unterstützt werden. George Floyd muss das letzte Opfer bleiben. Muss. 

Nun bist du an der Reihe

Wie wirkt der Fokus der Woche auf dich? Was denkst du zum Thema? Was denken deine Freunde, deine Familie? Welche Gefühle kommen auf, welche Diskussionen entstehen? Sprich darüber – und melde dich doch auch bei uns. Entweder mit einem Kommentar in der Kommentarspalte, auf Facebook oder mit einem Mail auf info@chinderzytig.ch. Wir freuen uns auf Rückmeldungen. 

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