Keine Corona-Infizierten in Nordkorea? (05.06.2020/mh)

Aus dem Munde von Kim Jong-un, der seit seinem Amtsantritt 2011 als Oberster Führer Nordkoreas, weltweit für Aufregung sorgt, kam die Nachricht: Keine Covid-19-Infizierten in Nordkorea. Kann das sein?

Für Experten scheint dies eine glatte Lüge zu sein. Denn auch Nordkorea hat, samt gestopptem Flugverkehr und Schliessung der Ausbildungsstätten, auf Stillstand geschalten. Experten sind überzeugt, dass die 1400 km lange Grenze, die Nordkorea mit China teilt, den Virus nicht aufhalten konnte. Verheerend ist dies insbesondere, da die einzigen Informationsquellen der Menschen dort dem Staat gehören. Warum spricht Kim Jong-un also von "keinen Ansteckungen"? 

Ein in sich geschlossenes Land

Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, dass Nordkorea anders tickt als praktisch alle anderen Länder. Das Land ist nach aussen so gut wie geschlossen, Ein- und Ausreisen sind fast unmöglich. Dies gilt auch für den Informationsfluss: Nordkorea will nicht, dass seine Bevölkerung weiss, wie andere Staaten regiert werden, und um wieviel reicher und freier andere Bevölkerungen sind. Nordkorea ist arm und wird streng regiert. Das liegt nicht nur daran, dass es ein ressourcenarmes Land ist. Viel mehr stellt die Regierung das grösste Hindernis dar. Nordkorea wird sozialistisch regiert, das heisst, fast alle Reichtümer und Güter des Landes gehören dem Staat. Der Staat ist faktisch Kim Jon-un. Dieser entscheidet dann selbst, wie er diese unter der Bevölkerung verteilt. Einen eigenen Betrieb zu unterhalten und damit Geld zu verdienen ist in Nordkorea unmöglich.

Die Menschen werden in Klassen eingeteilt. Ihre Herkunft und Treue zur Regierung bestimmen, wie gut es ihnen geht. Denn alle Lebensbereiche sind an das Kastensystem gebunden. Die Kasten entscheiden über die Menge an Nahrungsmitteln, die man bekommt, den Wohnort, die Ausbildung, wen man heiraten darf, und weiteres. Das alles wird durch die staatlichen Behörden je nach Stand in der Gesellschaft festgelegt. Fällt jemand als störend oder systemkritisch auf, wird er je nach Tat zu verschiedensten Strafen verurteilt. Auch die Familie des «Täters» bleibt von diesen Strafen nicht verschont. Dies macht das Organisieren von Widerständen unmöglich. Die hoch ausgebildete koreanische Volksarmee von über einer Million "Mann" stellt eine der grössten Barrieren für die Bevölkerung dar.

Wenn Zustimmung zum wichtigsten Recht wird

Grossen Teilen der Bevölkerung ist das Ausmass an Menschenrechtsverletzungen gar nicht bewusst, obwohl die Bestrafungen oft öffentlich stattfinden. Viele kennen kein anderes System und können aus diesem Grund nicht die Zusammenhänge zwischen ihrer Unterdrückung und dem Staatssystem sehen, da sie keine Vergleiche ziehen können. Der Staat sorgt mit grossen Feiern bei Millionen von Menschen dafür, dass die Treue zum «besten Land» erhalten wird. Die Schulbildung im Sinne des Staates leistet hierbei einen massgebenden Beitrag.
Den Menschen bleiben oft wenige Alternativen, um dagegen vorzugehen. Flucht ist die beste Option, aber mit hohem Risiko verbunden. Denn auch das Reisen von einer Provinz in die andere muss durch die Behörden bewilligt werden. «Ausreisser» an der Grenze werden mit Zwangsarbeit oder Hinrichtungen bestraft.

Das allfällige Fälle von Infizierten und Covid-19 Toten weder nach aussen noch nach innen kommuniziert werden, ist ein bekanntes Instrument der unzureichenden Kommunikation Nordkoreas.​ 

Quellen: 

Fahy, Sandra (2019): Dying for rights. Putting North Korea's human rights abuses on the record Columbia University Press. New York

Frank, Rüdiger (2013) Nordkorea: Zwischen Stagnation und Veränderungsdruck. In: Derichs C., Heberer T. (eds) Die politischen Systeme Ostasiens. Springer VS, Wiesbaden

https://www.dw.com/de/coronavirus-ist-nordkorea-virenfrei/a-53045752 (Stand: 12.05.2020)

Abbildungen 1 und 2: https://www.dw.com/de/coronavirus-ist-nordkorea-virenfrei/a-53045752 (Stand: 12.05.2020)

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