Frankreich in Aufruhr: Wenn aus Schulprotesten Krawalle werden
In Frankreich brodelt es. Was vor einem Monat als Protest von Schüler:innen an einem einzigen Gymnasium in Paris begann, hat sich zu einer der grössten Protestwellen seit Jahren entwickelt. Am letzten Samstag gingen über eine halbe Million Menschen auf die Strasse. Doch vielerorts kippte die Stimmung: Autos brannten, Geschäfte wurden geplündert und in Limoges ging sogar das historische Rathaus in Flammen auf. Doch wie kam es so weit?
Es begann im Schulzimmer
Angefangen hat alles am 21. September im Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil, einem Vorort von Paris. Wenige Tage zuvor hatten die Lehrpersonen dort gestreikt, weil an der Schule Personal und Geld fehlten. Die Schüler:innen schlossen sich an und blockierten den Eingang ihrer Schule. Ihre Forderungen sind eigentlich ganz einfach: genug Lehrpersonen, kleinere Klassen und Schulhäuser, die nicht auseinanderfallen. Denn in vielen französischen Schulen sitzen bis zu 35 Jugendliche in einer Klasse, manche Fächer haben monatelang keine Lehrperson und in provisorischen Schulzimmern stieg die Temperatur letzten Sommer auf bis zu 40 Grad. Dazu kommt der grosse Stress mit «Parcoursup», der Online-Plattform, über die sich alle für einen Studienplatz bewerben müssen. Über soziale Medien verbreitete sich die Idee blitzschnell. Bald waren Hunderte Schulen im ganzen Land blockiert, Studierende, Eltern, Lehrpersonen und Gewerkschaften schlossen sich an.
Wenn Protest in Gewalt kippt
Doch schon Anfang Oktober wurden die Proteste immer gewalttätiger. Vor vielen Schulen brannten Mülltonnen, es wurde mit Feuerwerk geschossen und einige Schulhäuser wurden sogar angezündet. Dabei wurden auch Schulleiter:innen und Lehrpersonen verletzt. Oft sollen vermummte Gruppen dahinterstecken, die gar nicht an die betroffenen Schulen gehen. Die Polizei reagierte hart mit dem Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen und tausenden Festnahmen, die meisten davon Minderjährige. Mehrere Jugendliche wurden schwer verletzt. Ein 16-Jähriger verlor ein Auge, ein 15-Jähriger seine Hand. Organisationen wie Amnesty International und die UNO kritisieren deshalb, dass die Polizei viel zu hart gegen Kinder und Jugendliche vorgeht. Am letzten Samstag, 17. Oktober, eskalierte die Lage endgültig. Gewerkschaften und die sogenannten Gelbwesten hatten zu einem grossen Protest gegen die steigenden Preise aufgerufen und die Jugendlichen machten mit. Rund 550'000 Menschen demonstrierten, die meisten davon friedlich. Doch in Paris, Lyon und Marseille kam es zu Plünderungen und Strassenschlachten. Fast 2'400 Personen wurden festgenommen und rund 1'000 Polizist:innen wurden verletzt. Ein Demonstrant starb in Paris nach einem Herzstillstand und in Nantes kam ein junger Polizist bei einem Einsatz ums Leben, als er von einem Auto erfasst wurde.
Ein Land vor der Zerreissprobe
Wer für die Gewalt verantwortlich ist, darüber wird nun heftig gestritten. Die Regierung wirft der linken Partei «La France Insoumise» vor, die Jugendlichen für ihre eigenen Zwecke auszunutzen und die Unruhen anzuheizen. Die Partei hingegen sagt, der Protest sei ganz von selbst entstanden. Präsident Emmanuel Macron hat am Sonntag in einer Fernsehansprache zu Ruhe und Ordnung aufgerufen und angekündigt, dass alle, die geplündert und Gebäude angezündet haben, bestraft werden. Gleichzeitig verspricht die Regierung bis Ende Oktober erste Lösungen für die Schulen, zum Beispiel Ersatz für fehlende Lehrpersonen und Geld für Renovationen. Ob das reicht, ist fraglich. Denn in einem halben Jahr wählt Frankreich einen neuen Präsidenten und viele Menschen sind schon lange unzufrieden mit der Politik. Inzwischen sind die Proteste auch auf Belgien, Italien und Griechenland übergeschwappt. Es ist also klar, dass die Anliegen der Jugendlichen berechtigt sind und sie es verdienen, ernst genommen zu werden. Doch Gewalt schadet am Ende vor allem ihnen selbst und lenkt von dem ab, worum es eigentlich geht, und zwar bessere Schulen für alle.
Nun bist du dran
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