Fokus der Woche - Kommentar der Redaktion

Wir können nicht atmen!  (03.06.2020/lz)

"I can't breathe". Ich kann nicht atmen. Ein Ausruf, der einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Ein Sinnbild für Rassismus, Gewalt, Ungerechtigkeit, Ungleichheit – und Mord. Blicken wir auf die USA im Jahr 2020. 

Im Moment scheint die Welt verrückt zu sein. Die Corona-Pandemie überstrahlt alles. Doch daneben gibt es viel Tumult: Flüchtlingskrisen in Griechenland und Asien (Tibet, Bangladesch), Heuschreckenplage am Horn von Afrika, Abholzung des Regenwaldes und Vertreibung von dort lebenden Ur-Völkern. Und Rassismus. Vielerorts! 

In den USA lässt sich wieder ein fürchterliches Beispiel beobachten, dass bis weit ins Ausland Wellen schlägt. In der vergangenen Woche wurde George Floyd vermutlich durch einen Polizisten getötet. Ein dunkelhäutiger Amerikaner, der wegen Verdacht auf Fälschung von der Polizei angehalten wurde. Man sieht im Video der Verhaftung, dass dabei ein Polizist während mehreren Minuten auf seinen Hals kniet. Die flehenden Rufe von George Floyd, dass er nicht atmen könne, werden ignoriert. Der Polizist steht aktuell vor Gericht wegen Mordanklage. Ungehört blieben die Rufe dennoch nicht: Es wird aktuell heftig demonstriert und protestiert, auch ausserhalb der USA. Friedliche Demonstrationen, aber auch gewalttätige Ausschreitungen finden statt. Und was macht der Präsident? Er tut, was er am Besten kann. Emotionen zeigt er keine, Mitgefühl ebenfalls nicht, nein, er schimpft, tobt und schickt die Nationalgarde (die Armee), um sich als harten, erfolgreichen Präsidenten zu behaupten.  

Ein Mensch ist nicht rassistisch – er wird rassistisch gemacht

Dass ein Mensch wegen seiner Hautfarbe schlecht behandelt wird, ist leider eine uralte Geschichte der Menschheit. Es gibt immer wieder Gruppen, die meinen zu wissen, was richtig und was falsch ist. So entsteht jedoch eine Spaltung, Wut, Hass, Ausgrenzung und Rassismus. Es gibt Menschengruppen, die sind gegen Dunkelhäutige, gegen Indianer, gegen Juden, gegen Frauen, gegen Asiaten, gegen Homosexuelle, gegen Andersdenkende... Dass Menschen gegen Menschen sind, ist leider ebenfalls eine uralte Geschichte der Menschheit. Doch, woher kommt das? Wer bringt uns das bei? Werden wir zu Rassisten gemacht oder ist jede/-r von uns im Kern bereits rassistisch? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Wie nimmst du Mobbing, Ausgrenzung, Anfeindung und Rassismus in deinem Leben wahr? Wie stehen die Erwachsenen in deinem Umfeld dazu? Ich persönlich glaube daran, dass der Mensch im Grunde gut ist. Ich glaube daran, dass im Kern alle gleich sind und dass niemand das Recht hat, sich über jemanden anderen zu stellen. Ich glaube daran. Doch daran glauben leider nicht alle. 

Wie geht es weiter? 

Die Proteste werden noch einige Tage anhalten. Vielleicht Wochen. Doch am Ende wird die US-Regierung für Ruhe sorgen, mit der Armee und der Ernennung der Antifaschisten als Terrorgruppe. Also jene Menschen werden als Terroristen behandelt, die sich gegen die Ermordung eines Menschen anderer Hautfarbe wehren. Ist das Gegenteil von Antifaschist nicht Faschist? Doch ein nächstes Thema wird kommen, die Gewalt an George Floyd wird vergessen gehen. Bis zum nächsten Mal, wenn wieder irgendwo ein Weisser einem Schwarzen das Leben nimmt. Oder umgekehrt. Dann gehen die Proteste wieder los. Wird sich das jemals ändern? Brauchen wir eine Friedenstaube, einen rettenden Engel in Menschengestalt? Gibt es einen solchen?

Trotz der Politik der Spaltung, die vielerorts gelebt wird, habe ich Hoffnung. In der Geschichte der Menschheit gibt es immer wieder hoffnungsfrohe Beispiele. Ich denke an Rosa Parks, die als erste schwarze Frau vorne im Bus Platz genommen hat. Ich denke an Schulen, die gemischte Klassen erlaubt haben. Ich denke an Menschen wie Nelson Mandela und Mahatma Gandhi, die sich gewehrt haben. Ich denke an den ersten dunkelhäutigen Präsidenten der USA, die dunkelhäutigen und asiatischen Generalsekretäre der UNO. An grosse dunkelhäutige Künstler wie Aretha Franklin, Ray Charles, Michael Jordan, Usain Bolt... die "Black Power"- und "Black Lives Matter"-Bewegungen. Rassismus wird nicht blind akzeptiert und das ist gut so! 

 

Wir können die Welt zwar leider nicht so einfach ändern. Wir können fast nur versuchen, in unserem Leben ein guter und gleichgestellter Mensch zu sein, politisch aktiv zu werden und uns zu empören, falls Unrecht geschieht. Ja, empören wir uns! Ja, ärgern wir uns und sprechen das laut aus. Ohne Gewalt, ohne Zerstörung. Aber laut. Hoffnung machen die vielen friedlich demonstrierenden Menschen, denen der Tod von George Floyd auch nicht egal ist. Denn: Rassismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz erhalten. Faschismus darf nicht unterstützt werden. George Floyd muss das letzte Opfer bleiben. Muss. Müsste. Wird wohl nicht. 

Nun bist du an der Reihe

Wie wirkt der Fokus der Woche auf dich? Was denkst du zum Thema? Was denken dein Freunde, deine Familie? Welche Gefühle kommen auf, welche Diskussionen entstehen? Sprich darüber - und melde dich doch auch bei uns. Entweder mit einem Kommentar in der Kommentarspalte, auf Facebook oder mit einem Mail auf info@chinderzytig.ch Wir freuen uns auf Rückmeldungen. 

Eine Wand in der Nähe von Bern - die Proteste und Empörung schwappen über den Atlantik

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