Die Kurden in Syrien (19.06.2020/pj)

  Die Kurden sind mit etwa 35 Millionen Menschen das weltweit grösste Volk, das keinen eigenen Staat hat. Sie leben in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien. Die Kurden haben eine gemeinsame Sprache und es verbindet sie eine starke Zusammengehörigkeit. In diesem Artikel wird die Situation der syrischen Kurden beleuchtet.

Nach der Unabhängigkeit des Landes 1946 gerieten die Kurden in Syrien zunehmend unter den Druck der arabischen Bevölkerung. Die Kurden wurden als Sündenböcke dargestellt und für verschiedene Probleme im Land verantwortlich gemacht, auch wenn sie gar nichts damit zu tun hatten. Ab 1965 wurden sie zusätzlich unterdrückt, als die herrschende Baath-Partei die Kurden, die in Grenznähe lebten, verdrängten, damit arabische Syrer dort leben konnten. Das Ziel war, dass alle Araber (also alle, die arabisch sprechen und auf arabischem Boden leben) vereint werden und Seite an Seite leben – auch wenn sie Landesgrenzen trennen. Für die Kurden gab es aber in dieser sogenannten «Politik des Arabischen Gürtels» keinen Platz. 

Der syrische Bürgerkrieg beginnt

2011 begannen in Syrien grosse Unruhen, als sich syrische Bürger gegen den Präsidenten Baschar al-Assad stellten. In einem älteren Artikel haben wir bereits darüber berichtet. Die Lage eskalierte schnell und es kam zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen Assad und seinen Gegnern. Da der Präsident und die arabische syrische Bevölkerung damit beschäftigt waren, sich zu bekämpfen, achteten sie nicht mehr so stark auf die syrischen Kurden, die sich möglichst aus dem Bürgerkrieg heraus hielten und sich bewusst auf keine Seite schlugen.

Rojava

Im Chaos des Bürgerkriegs gelang es den syrischen Kurden im Sommer 2012 das von ihnen kontrollierte Gebiet «Rojava» im Nordosten von Syrien zu etablieren. Präsident Assad,die syrische Armee und die Polizei hatten sich aus den mehrheitlich kurdischen Grenzgebieten zurückgezogen, um sich auf den Kampf gegen die Gegner zu konzentrieren. Die Kontrolle über Rojava wurde daher dem «Militär» der syrischen Kurden  übergeben.


Der türkische Präsident Erdoğan, der in seinem Land die Kurden stark unterdrückt, fürchtete nun, dass durch die Unabhängigkeitsbewegung der Kurden in Rojava die türkischen Kurden ebenfalls einen eigenen Staat fordern würden. Die Türkei  ist zusätzlich durch die vielen syrischen Flüchtlinge belastet, die seit 2011 in die Türkei geflohen sind.Erdoğan hat daher einen neuen Plan: Er möchte im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei  (also in Rojava) eine sogenannte «Sichere Zone» aufbauen und dort syrische Flüchtlinge in ihr Land zurückführen. Diese geplante 30 km breite Zone umfasstalle wichtigen Städte von Rojava, weswegen die Kurden – falls die Zone tatsächlich eingeführt würde – wieder verdrängt und ihrer grössten Selbstbestimmung beraubt würden.

Was Erdoğan von einem Angriff auf Rojava abhielt, war einzig die Präsenz der vielen US-Truppen in Rojava, die seit 2014 zusammen mit den syrischen Kurden die terroristische Gruppe Islamischer Staat (IS) bekämpften. Denn der IS wollte in Syrien auch ein eigenes Gebiet erobern. Als der IS in Syrien als besiegt galt, zog US-Präsident Donald Trump seine Truppen am 7. Oktober 2019 aus Rojava ab. Damit bot Trump Erdoğan die Gelegenheit für eine Militäroffensive, welche nur zwei Tage später begann.

Rund 150’000 Frauen, Männer und Kinder sind wegen des türkischen Angriffs bereits aus Rojava geflohen. In dieser verzweifelten Lage wandten sich die syrischen Kurden aus Rojava an Präsident Assad, in der Hoffnung, er würde sie gegen die Türkei verteidigen. Er sollte als Gegenzug die vollständige Kontrolle über Rojava zurückerhalten. Für die syrischen Kurden geht somit die Zeit der Selbstverwaltung zu Ende. Ihre Autonomie aufzugeben und wieder von Assad kontrolliert zu werden, ist für sie allerdings weniger schlimm, als von türkischen Truppen verdrängt, unterdrückt und allenfalls sogar umgebracht zu werden.

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